1. Was ist die Seele?


Die Seele verleiht dem Menschen seine Pers√∂nlichkeit. In der Person sind Seele und Leib eins. Die Seele braucht den Leib, um sich bewusst zu machen, um wahrgenommen zu werden und sich mitzuteilen. Dazu ben√ľtzt sie die Sprache, die dem Menschen als einzigem Lebewesen eigen ist. Trotz vielfacher Voraussetzungen (zum Beispiel Anatomie des Kehlkopfs) ist es keinem Tier m√∂glich, im menschlichen Sinn zu sprechen, also Erfahrungen mitzuteilen, zu argumentieren und vieles mehr. F√ľr die menschliche Sprache sind nicht nur physiologische und anatomische Voraussetzungen n√∂tig, sondern auch seelische. Was sind das aber f√ľr Verm√∂gen, die dem Menschen seine Pers√∂nlichkeit geben und seine Sprache erm√∂glichen?

Aristoteles beschreibt den Geist als die Kraft der Seele, welche denkt und Vorstellungen bildet (√úber die Seele, S. 175, ). Nach Kant hat alles im Reich der Zwecke einen Preis, der Mensch aber ist Zweck an sich selbst. Er hat keinen Preis, er hat W√ľrde (Grundl. Metaph. Sitten, 428-435). Paulus schreibt:

     Strebt nach den h√∂heren Gnadengaben. F√ľr jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei                                  (1Kor. 12,31/13,13)

Wir k√∂nnen also davon ausgehen, dass die Seele die drei Seelenverm√∂gen W√ľrde, Geist und Gnade besitzt (Bader 1995), die Augustinus (Gottesstaat, XI, 26) Sein, Wissen und Liebe nannte. Man kann sie als Spiegelbild der Dreifaltigkeit Gottes betrachten: Vater, Sohn und Heiliger Geist.

                                                      

                                                  

 

Abbildung 1: Die Einheit der Seele

√Ąhnlich wie die Dreifaltigkeit Gottes ist auch die Seele nicht einfach aus diesen drei Seelenverm√∂gen wie aus Einzelteilen zusammengesetzt, vielmehr ergeben sich die Einzelteile aus dem Ganzen. Man kann dies an einem Tetraeder erkl√§ren, wie dies Descartes (Reg XII 18) f√ľr das Dasein Gottes und Romano Guardini (S. 187) f√ľr die Ganzheit des Menschen benutzt haben: An einem Dreieck kann man Fl√§che, drei Seiten und drei Winkel unterscheiden . Man ben√∂tigt aber nicht alle diese ‚ÄěEinzeleile‚Äú um ein Dreieck zusammensetzen. Schon beim Zusammenf√ľgen der drei Seiten ergeben sich die √ľbrigen Elemente (drei Winkel, die Fl√§che) von selbst, man braucht sie nicht extra anzuf√ľgen. Ebenso kann man drei andere ‚ÄěEinzelteile‚Äú des Dreiecks zusammenf√ľgen, zum Beispiel zwei Seiten und einen Winkel, schon sind die anderen ‚ÄěEinzelteile‚Äú auch da, und zwar auch dann, wenn man sie gar nicht haben wollte. Das eine bedingt das andere.

Am besten erkl√§rt sich die Dreifaltigkeit Gottes an uns Menschen selbst: Ein Mensch, der in seiner Familie treubesorgter Vater oder Mutter ist, kann in seinem Betrieb herrischer B√ľrovorsteher und in seinem Verein das feuchtfr√∂hliche Mitglied sein. M√∂glicherweise w√ľrden seine Mitmenschen aus der jeweiligen Umgebung ihn in den √ľbrigen Bereichen, in denen er t√§glich lebt, gar nicht erkennen, da sie von den anderen Seiten seiner Pers√∂nlichkeit nichts wissen. Und doch ist er immer der gleiche Mensch. Die Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, das ist der eine Gott, der Allm√§chtige, der eine Allah, der Barmherzige, der eine Jahwe, der Ewige. Er ist immer der Gleiche, der uns nach seinem Bild erschaffen hat (Gen 1,27), den aber die Menschen seit jeher entsprechend Verm√∂gen, Erkenntnis und Erfahrung in unterschiedlichster Gestalt sehen. Deshalb wurde Gott auch durch die Zeiten hindurch oft genug in unterschiedlichster Weise verehrt.

√Ąhnlich kann man sich die drei Seelenverm√∂gen als Einheit der Seele vorstellen (Abbildung 1). Im Geist sind die F√§higkeiten der Seele, in der W√ľrde sind ihre Eigenschaften und in der Gnade ist ihr Heil. Der Geist stattet den Menschen mit Wissen aus, die W√ľrde gibt ihm Freiheit und die Gnade St√§rke. Die St√§rke der Gnade bef√§higt den Menschen mit seinem Wissen und seiner Freiheit Leid f√ľr sich und andere zu ertragen und zu vermeiden. Da die Freiheit dem Menschen aber die M√∂glichkeit gibt, Gutes ebenso wie B√∂ses zu tun, ben√ľtzt er oft genug sein Wissen und seine Freiheit, Leid zu bereiten, vor allem wenn er die St√§rke der Gnade missachtet. Letztendlich ist er aber seinem Gewissen verantwortlich. Keine W√ľrde ohne Geist, kein Geist ohne Gnade, keine Gnade ohne W√ľrde.

In der Noosph√§re ist der Mensch Individuum und Kollektiv zugleich. Das Individuum dr√ľckt sich in der W√ľrde des Menschen aus, das ist das Gebiet der Psychologie. Das Kollektiv ist durch den Geist des Menschen bestimmt, das ist das Gebiet der Soziologie. Gott aber gibt dem Menschen die Gnade. Die uralte Weisheit:

     Ich h√∂re, was Du sagst und sehe, was Du tust, ich wei√ü aber nicht, was Du denkst

zeigt zum Einen die Einzigartigkeit eines jeden Menschen, √ľber den man viel wissen kann, den man aber nicht besitzen kann. Zum anderen zeigt diese Weisheit die Grenzen zwischen den Menschen als Individuum in ihrer W√ľrde und als Kollektiv in ihrem Geist an.

 

Sollten Sie Fehler (formelle oder innhaltliche) im Buch finden oder Fragen haben, bitte ich Sie, dies mir mit e-mail mitzuteilen: Hermann.Bader@baderbuch.de. Herzlichen Dank im Voraus.


 

W√ľrde